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Was sagen Digital-Experten zu prism, XKeyScore und Co.?

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Das Feuilleton überschlägt sich. Jeden Tag kommen mehr und mehr Artikel, Kommentare und Einschätzungen zum Thema NSA, prism oder XKeyScore ans publizitische Tageslicht.  Wir haben Leute zum Themenkomplex befragt, deren zweite Haut das Internet ist:

„Was ist Eure Einschätzung zu den jüngsten #nsa, #XKeyScore, #prism Themen? Wie geht ihr als „Digital-Profis“ mit dieser Art der Überwachung um?“

Sebastian Haselbeck // Geschäftsführer (Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.), Business Development (lingohub GmbH) // Berlin // @Rebastion

„Das Ausmaß der globalen Totalüberwachung ist schockierend, für Insider aber nicht überraschend, angesichts der technischen Möglichkeiten und der Sicherheitspolitik nach 9/11. Nutzer werden künftig mehr „Datensparsamkeit“ walten lassen, und sich den am Markt aufkommenden Verschlüsselungsangeboten zuwenden.

Persönlich sehe ich eine Lösung nur auf politisch-rechtlicher Ebene, denn verändertes Nutzerverhalten hat höchstens Einfluß auf die Symptome, aber nicht die Grundparameter der Totalüberwachung. Diese ist radikal antidemokratisch und innovationsfeindlich.

Gerade als technisch versierter Nutzer sehe ich es auch als meine Aufgabe, Mitmenschen über diese Problematiken aufzuklären, um ein breiteres Bewusstsein für die zentrale Rolle der Informationstechnik in unserem täglichen Leben zu schaffen.“

Stefanie Aßmann // Digital Consultant (elbkind GmbH), Co-Autorin von Social Media für Unternehmen: Von der Planung bis zur Erfolgskontrolle // Hamburg // @miss_assmann

„Ich bin von den Enthüllungen und dem Ausmaß von #Prism und #XKeyScore ziemlich geschockt und ich fühle mich hilflos, weil ich nicht weiß, was ich dagegen tun soll. Klar hat man schon irgendwie vermutet – Stichwort Vorratsdatenspeicherung – dass wir irgendwie überwacht werden, aber hier handelt es sich noch mal um eine ganze andere Dimension.

Mein Nutzungsverhalten habe ich bisher allerdings (noch) nicht geändert. Ich möchte mich auch in Zukunft „frei“ in diesem Internet bewegen und nicht bei jedem Schritt überlegen, was das jetzt für Konsequenzen hat oder haben kann. Der Abschied von Facebook oder Google ist für mich nicht die Lösung des Problems.

Die Enthüllungen um Prism haben allerdings dazu geführt, dass ich zu meiner ersten Demo (#stopwatchingus) gegangen bin. Und ich rede viel mit Menschen, die sich nicht so intensiv mit dem Internet beschäftigen wie ich. Wenn ich denen Prism und die Konsequenzen erklärt habe, kommt am Ende immer die Frage: „Und was soll ich jetzt tun?“. Auf diese Frage habe ich aber selbst keine Antwort.“

Alf-Tobias Zahn // Blogger (grossvrtig.de), Social Media Consultant (]init[ AG) // Berlin

„Der von Edward Snowden aufgedeckte #Prism-Skandal passte – what a coincidence – ideal ins deutsche mediale Sommerloch. Nicht, dass es skandalös wäre, dass die USA (und auch die Briten mit #Tempora) „unseren“ Datenverkehr anzapft und archiviert, um diesen systematisch zu durchkämmen – aber: So funktioniert Spionage 2.0, nicht anders.

Passend zum Wahlk(r)ampf 2013 blamieren sich während der vermeintlichen „Aufarbeitung“ die Spitzenpolitiker aller Parteien in dieser Causa. Verwunderlich? Nicht wirklich.

Überraschend ist vielmehr die Naivität, mit denen Internetnutzer offensichtlich in diesem Netz unterwegs sind und welche Empörungskraft #Prism entfalten konnte.

Dabei geben wir doch durch unser Online-Konsumverhalten und die Nutzung von kostenfreien Diensten (Hallo Google Mail!) doch viel Grundsätzlicheres Preis. Freiwillig. Willentlich. Leichtfertig.“

Falk Hedemann // Freier Journalist, Blogger und Berater (falkhedemann.de) // Rastede // @Wissenssucher

„Prism, Tempora und XKeyScore verletzen massenhaft die Grundrechte deutscher Staatsbürger. Die Argumente, es diene ja schließlich unserer Sicherheit und man habe ja auch nichts zu verbergen, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr hören – sie sind schlicht falsch.

Neulich habe ich auf Facebook einen Kommentar gelesen, der das Problem sehr schön aufzeigt: „Ich kann das Bild nicht liken, weil ich bald in die USA reisen möchte“.

Es geht nicht allein darum, dass abgehört wird, es geht darum wie sich dadurch die Kommunikation verändert.

Wenn wir Angst haben abgehört zu werden, verhalten wir uns dann noch wie immer? Wäre der Arabische Frühling möglich gewesen, wenn die Menschen Angst vor Abhörung gehabt hätten? Ich denke nicht!“

Martin Kost // Social Media Berater (standout.ch) // Luzern // @martinkost

„So etwas wie Privatsphäre gibt es im Netz leider nicht! Klar kann man sich sagen: Nicht so tragisch, was will die Amerikanische Regierung schon mit meinen Daten?

Beim ganzen Skandal um #nsa, #XKeyScore und #prism geht es für mich weniger um den Schutz meiner persönlichen Privatsphäre. Neben der Terrorbekämpfung können diese Daten zu handfesten Wirtschaftsvorteilen oder zur Durchsetzung politischer Interessen verhelfen.

Diese Macht in den Händen einer intransparenten und nicht demokratisch kontrollierten Behörde gibt mir zu denken. Woher wissen wir, an wen diese Daten weitergegeben werden?“

Christoph Bauer // Experte für Enterprise 2.0 (Capgemini Consulting) // München // @ChristophBauer

„Zum einen verwundert es mich, dass ernsthaft geglaubt wurde, die USA würde uns nicht abhören. Wer die Selbstbestimmung seiner eigenen Bürger seit Jahren so mit den Füßen tritt, hat auch keine Skrupel dies auf internationaler Ebene zu tun. Das macht einem Angst. Diese Angst lässt uns dummerweise erstarren, was die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Zukunft bedrohen wird.

Das zweischneidige Schwert Datenschutz droht uns zumindest in diesem Kontext auf den Kopf zu fallen: Deutschland ist nicht zuletzt aufgrund des Konsumentenschutzes Entwicklungsland in Sachen Social Business. 

Was mein Privatleben angeht: Meine Kontoauszüge, meine Versicherungsunterlagen und meine Kreditkartendaten liegen allesamt in der Cloud. Das ist praktisch und es spart mir Zeit. Konkrete Painpoints sehe ich keine, ganz im Gegenteil: Mein NAS zuhause ist schlechter geschützt als die Server von Dropbox, Evernote oder Facebook – vor allem gegen Feuer, Diebe und Datenverlust. Im Job wäre mir die Nutzung der Tools jedoch „zu heiß“, da es hier um sensitive Daten anderer und Rahmenverträge geht.“ 

Frederik Fischer // CEO (tazaldoo UG / tame) // Berlin // @FrederikFischer

„Was mich beunruhigt: Die Möglichkeiten totaler Überwachung durch Geheimdienste. Was mich noch viel mehr beunruhigt: Die Möglichkeiten totaler Überwachung durch Hinz und Kunz.

Die eigentliche Geschichte des NSA-Skandals ist, dass es für die totale Überwachung wohl bald schon keine NSA mehr brauchen wird. Datenschnittstellen und Datenvisualisierungstools ermöglichen heute schon die systematische Auswertung eines großen Teils unserer Online-Kommunikation.

Noch erfordert es zwar zumindest basale Programmier-Expertise um Emails auszulesen oder die Daten von Twitter, Facebook und Co gezielt zu durchsuchen aber die Werkzeuge für professionelle Datenanalyse werden immer nutzerfreundlicher.

In naher Zukunft werden wir uns unsere Kollegen, Nachbarn und Partner vielleicht nicht mehr nur Googlen, sondern einer NSA-mäßigen Voll-Analyse unterwerfen können. Spätestens dann wird die Schere im Kopf unsere Kommunikation im Netz zur Farce machen.“

Marcel Schröder // Digital Strategy Consultant (diffferent GmbH) // Berlin // @kopfpirat

„Sowohl Aluhüte, als auch die Post-Privacy-Front haben Recht behalten: Die einen haben seit jeher von der schlimmsten Form der Totalüberwachung gewarnt und die anderen haben den totalen Verlust der Privatsphäre prophezeit und neue (Über)Lebens-Strategien ausprobiert. Fest steht: Überwachung verändert massenhaft und negativ das Verhalten der Menschen – das lässt sich aus unserer Geschichte lernen.

Und solche Überwachung konterkariert die hart erkämpften europäischen Grundwerte. Die Politik ist nicht in der Lage das Problem zu lösen, denn auf die TOTALÜBERWACHUNG reagiert unsere Regierung mit TOTALVERSAGEN, indem sie die massive Grundrechtsverletzung für nicht existent erklärt.

Daher liegt es an uns, einen vernünftigen Umgang mit der Situation zu finden. Wie gehen wir also mit der Überwachung unserer privaten Daten im Netz um?

Der Ruf nach starker Kryptographie überall und jederzeit ist nicht die nachhaltige Lösung, zumal die unverschlüsselbaren Metadaten das eigentliche Problem sind … die Ignoranz von Prism & Co. ist ebenfalls keine Option, wenn wir nicht unsere Grundrechte mit einem Schulterzucken verabschieden wollen.

Ich sehe drei Alternativen: a) alle privaten Daten offenlegen, um Missbrauch zu verhindern oder b) so viel „falsches“ Grundrauschen zu erzeugen, dass sich die Schnüffelei wirtschaftlich nicht mehr lohnt oder c) auf die Barrikaden gehen und parallel ein alternatives System aufbauen.

Welchen Weg wollen wir gehen? Einfach und bequem sind sie alle nicht.“

Christian Dingler // freier Berater für digitale Unternehmenskommunikation (genuin4) // Köln // @dingler_g4

„Wirklich geschockt haben mich die Enthüllungen über Prism, Tempora und XKeyscore nicht. Mir war schon länger klar, dass so etwas technisch möglich ist.

Ich habe da eher eine Anspruchshaltung. Ich will Gesetze, die das technisch mögliche verbieten. Ich will nicht per se verdächtig sein. In einem Rechtsstaat gibt es die Unschuldsvermutung. Deshalb haben Rechtsstaaten es zu unterlassen, ihre Bürger verdachtsunabhängig zu überwachen. Alles andere ist Verrat unserer Grundwerte. Staaten, die verdachtsunabhängig überwachen sind nichts anderes als Polizeistaaten. Punkt.

Und ich erwarte von meiner Regierung, dass sie unsere Grundwerte schützt. Tut sie aber nicht. Das macht mich fassungslos und wütend. Der Innenminister erfindet stattdessen ein Supergrundrecht, das es nicht gibt und rückt sich selbst damit außerhalb der Grenzen unserer Verfassung.“

Was ist Eure Meinung als Leser? Wie geht Ihr mit der allgegenwärtigen digitalen Überwachung um? Wie wichtig ist Euch Datenschutz und Privatsphäre? Schickt uns Name, Bild und Statement oder nutzt die Kommentare, um Eure Sicht auf die Dinge zu teilen.

Für das Titel-Bild unter CC BY-NC 2.0 bedanken wir uns bei mightymightymatze (Flickr). 

Reinhardt Neuhold
Manchmal Speaker, meistens Zuhörer. Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer von Agentur Gerhard.
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